Jane Goodall

Es klingt wie der Beginn eines jugendlichen Abenteuers, doch für Jane Goodall wird es eine Lebensaufgabe. 1960 schlägt sie zum ersten Mal im heutigen „Gombe Stream National Park“ in Tansania ihr Lager auf. Fünfundzwanzig Jahre lang lebt sie dort mit den wilden Schimpansen. Und dann kehrt sie 1986 ihrem kleinen Paradies den Rücken und wird zur unermüdlichen Aktivistin für ein Leben, in dem Mensch, Tier und Umwelt eine Zukunft haben.

 

Keine sechs Monate nach ihrer Ankunft in Gombe machte sie eine Entdeckung, die bis heute als einer der entscheidenden wissenschaftlichen Durchbrüche des 20. Jahrhunderts gilt: Bis dahin hatte immer der Glaube gegolten, der Mensch allein sei die Krone der Schöpfung, weil er in der Lage ist, Werkzeuge nicht nur zu benutzen, sondern sie auch herzustellen.

Jane Goodall bewies das Gegenteil – sie beobachtete, wie ein Schimpanse, den sie „David Greybeard“ getauft hatte, einen Termitenhügel erklomm, sich von einem Baum einen Ast abbrach und aus diesem ein Werkzeug formte, mit dem er an die leckeren Termiten tief im Inneren ihres Baus gelangen konnte. Fast zeitgleich entdeckte sie auch, dass Schimpansen nicht – wie bis dahin gedacht – reine Vegetarier sind. Janes Forschungsjahre in Gombe haben unsere Sicht auf die Schimpansen tiefgreifend verändert und die Beziehung zwischen Mensch und Tier vollkommen neu definiert.

 

Parallel zu ihrem Aufstieg zur weltweit führenden Primatologin hat Jane Goodall auch fast nebenbei den herkömmlichen Natur- und Umweltschutz neu definiert. Um ihre Forschung in Gombe auch finanziell auf ein stabiles Fundament zu stellen, gründete sie 1977 in den USA das „Jane Goodall Institute“; Weil sie aber auch Bewusstsein für die schlechter werdende Lage der Schimpansen und anderer Primaten in Afrika wecken wollte, begann sie schon damals, öffentliche Vorträge zu dem Thema zu halten. Später dann, nach gut fünfundzwanzig Jahren im Feld, beschloss Jane, aus dem Regenwald hinaus in die Welt zu gehen und sich fortan ganz dem Schutz der Schimpansen zu widmen.

Ihr war klar geworden, dass der Druck auf den Lebensraum unserer nächsten Verwandten immer schneller immer größer wurde: Immer mehr Menschen einer rasant wachsenden Bevölkerung brauchten Brennholz, Bauholz, Platz für ihre Felder und nicht zuletzt auch Fleisch. Also wurde immer mehr Regenwald gerodet und die Schimpansen gnadenlos als Buschfleisch gejagt. Gab es in Afrika um 1960 noch etwa 1,2 Millionen Schimpansen in freier Wildbahn, so sind es heute nun mehr geschätzt 172.000-300.000. Und die Bestände schrumpfen weiter.

Schon früh hatte Jane erkannt, dass es unmöglich ist, den Menschen, die im gleichen Gebiet wie Schimpansen leben, einfach das Jagen zu verbieten oder gar es unter Strafe zu stellen. Aus ihrer Sicht ist der einzig gangbare Weg, Schimpansen und ihren Lebensraum zu schützen, so eng wie möglich mit den Menschen vor Ort zusammen zu arbeiten und soziale und wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen – mit anderen Worten: Entwicklungshilfe „bottom up“ – von unten her – zu leisten. Sie sagt: „Wie sollen wir denn Menschen, die selber kaum genug zum Überleben haben, etwas von Naturschutz erzählen, wenn wir ihnen nicht zuerst helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern?“ Dieser holistische Ansatz führte 1994 zur Gründung des erfolgreichen TACARE-Programmes, das mittlerweile in über einhundert Dörfern um den Gombe-Nationalpark aktiv ist.

 

Dr. Jane ist ein lebendes Beispiel dafür, wie viel ein einzelner Mensch verändern kann. Im Lauf der Jahre hat ihre Forschungsarbeit in Gombe z.B. auch viele Frauen dazu inspiriert, Primatologinnen zu werden – vor sechzig Jahren war das ein eher seltenes Phänomen. Inzwischen sind es vorwiegend Frauen, die in Langzeit-Studien und Forschung über das Verhalten von Primaten führend sind.

Heute verbringt Jane nur noch wenige Wochen pro Jahr im Gombe-Nationalpark. Aber jedes Mal, wenn sie an jenen Ort zurückkehrt, an dem alles begann, ist es für sie eine besonders wertvolle Zeit. Dort tankt sie neue Kraft für ihre Arbeit. Ihr langjähriger Freund und Mitarbeiter Anthony Collins beschreibt ihre Besuche so: „Morgens holt sie sich eine Tasse Kaffee, eine Scheibe Brot und eine Banane und verschwindet. Ich frage sie nicht, wohin sie geht, und sie erzählt es mir auch nicht. Sie ist dann alleine im Wald, und im Idealfall finden die Schimpansen sie. Wenn nicht – denn die meisten Schimpansen, die sie so gut kannte, sind längst verstorben oder verschwunden – dann sei das auch okay, sagt sie.“ “To be with Jane Goodall is like walking with Mahatma Ghandi“, schrieb 2002 der Boston Globe.

 

Diese Äußerung kam nicht von ungefähr, denn es gibt wohl wenige friedlichere, bescheidenere, energiereichere und gleichzeitig zielstrebigere Menschen als jene junge Britin, die 1960 damit begann, auf ihre stille Art eine ethische Revolution in der Wissenschaft einzuleiten. Ihre tiefe Spiritualität, ihre Kraft und ihr herzlicher Humor begeistern jeden, der ihr begegnet und zuhört.

Jenseits ihrer bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen ist sie seit beinahe 60 Jahren ein Beispiel dafür, wie respekt- und liebevoll man mit Menschen, Tieren und der Umwelt umgehen sollte. Mittlerweile setzen sich 30 Jane Goodall Institute rund um den Globus für umfassenden Natur- und Artenschutz, für Bildung in nachhaltiger Entwicklung sowie für globale Entwicklungszusammenarbeit ein. Jane Goodall wird aber nicht müde zu wiederholen, dass ihre größte Hoffnung für die Zukunft das Engagement von jungen Menschen ist. So gründete sie bereits 1991 in Tansania das Jugendprogramm „Roots & Shoots“.

 

Sie traf sich damals mit einer Gruppe von 12 Teenagern auf der Terrasse ihres Hauses in Dar es Salaam, um mit ihnen über drängende Fragen des Tier- und Umweltschutzes in Tansania zu diskutieren. Dr. Jane war beeindruckt von der Energie, der Empathie und dem Wunsch der Schüler, eigene Strategien und Projekte zu entwickeln, um das Leben von Tieren, Menschen und der Umwelt zu verbessern.

 

Aus diesem ersten, historischen Treffen wuchs eine Organisation, die heute in beinahe 100 Ländern aktiv ist: Rund um den Globus retten zigtausende “Roots & Shoots”-Mitglieder verlassene Tiere, säubern vermüllte Bachläufe, pflanzen Bäume, helfen Obdachlosen, machen Aufklärungskampagnen zum Recyclen – ganz gleich, ob sie Spenden sammeln für die Opfer eines Erdbebens, ein Video über Bienen oder Biodiversität drehen, mit jedem einzelnen Projekt tragen sie dazu bei, dass unsere Welt ein wenig besser wird – ganz im Sinne von Dr. Janes Spruch: „Jeder einzelne von uns kann jeden Tag etwas bewirken!“

 

Die „Queen of Conservation“ ist auch mit 85 Jahren noch immer mehr als 300 Tage im Jahr weltweit unterwegs, um mit ihren Vorträgen Menschen Hoffnung zu geben und sie zu inspirieren, „… das Geschenk unseres Lebens zu nutzen, um die Welt etwas besser zu machen…“

 

Texte mit freundlicher Unterstützung von Jane Goodall Institut Deutschland e.V.